Karate aus Bosten zählen ohne Zweifel zu den Vorreitern in Sachen Postrock, wenngleich diese Schublade beileibe nicht ausreicht um ihr Schaffen auch nur im Ansatz zu beschreiben. 1993 von Gitarrist und Sänger Geoff Farina, Drummer Gavin McCarthy und Bassiten Eamonn Vitt gegründet, sorgten sie bereits 1995 mit ihrem selbstbetitelten Debütalbum für viel aufsehen, auf dem sie die gebündelte Energie des Post-Hardcore gekonnt mit kantigen Riffs und präzisen, raumgreifenden Gitarrenlinien voller technischer Perfektion zu bändigen wussten. Mahnten die geduldigen Tempi und die nachdenkliche Atmosphäre ihrer Songs zu Beginn bisweilen an Slowcore, lies der zunehmende Hang dazu, Jazz-Einflüssen, Post Rock Tönen und Improvisationsmomenten mehr und mehr Raum zu geben, über die Jahre hinweg einen ganz eigenen, unverwechselbaren Klangkosmos erwachsen. 1997 verließ Eamonn Vitt die Band aus privaten Gründen und Jeff Goddard übernahm den Bass, womit sie ihre seither nie wieder geänderte Triobesetzung gefunden hatten.
Bis 2005 brachten sie sechs Studioalben sowie diverse EPs, Sessions und Liverecordings heraus, ehe sie sich aufgrund von Gehörproblemen von Geoff Farina vorerst gezwungen sahen die Band aufzulösen. Ihr Name blieb jedoch im Grundrauschen der Indie-/Alternative-Szene stets präsent, sind sie doch Rolemodels für eine ganze Generation experimentierfreudiger Post-Rock/Indie Kids. Umso trauriger war es, dass aufgrund unklarere Rechte der Backkatalog der Band kaum mehr erhältlich war. Und so konzentrierten sie sich darauf, diese Situation zu bereinigen und mit dem Label Numero Group ihre lange vergriffenen Werke Stück für Stück neu aufzulegen. Da aber Karate auch stets eine passionierte Liveband waren, verwunderte es kaum, dass es den Dreien wieder in den Fingern juckte, und so gaben sie 2022 nach siebzehn Jahren Pause eine gefeierte Reunion Tour durch acht US-Städte. Dieser folgten in den letzten zwei Jahren kurze Stippvisiten in Spanien, Portugal, UK, Benelux und Island. Im Frühjahr 2025 kommen sie nun endlich auch wieder mal nach Deutschland und wir freuen uns sehr, diese Ausnahmeband auch wieder in Dresden begrüßen zu können!
Kinsella & Pulse, LLC sind Tim Kinsella, Mastermind hinter solch Stilprägenden Bands wie Cap‘n Jazz und Joan Of Arc und Jenny Pulse, und ihrer neuen Musik wohnt ein Hauch wahrlich vorwärts gedachter, postmodernen Pops inne. Ihr aktuelles Album „Open ing Night“, Nachfolger des hochgelobten 2023 Werkes „Giddy Skelter“, warten mit verlockenden Wendungen auf, die zeigen, dass die rastlose Fantasie und die beeindruckenden Fähigkeiten der beiden experimentierfreudigen Außenseiter ungebrochen sind.
Während “Giddy Skelter” ein handwerklich solides Audiomosaik war, das mit innovativer Produktion und ausgefeiltem Sounddesign glänzte, kommt „Opening Night“ viel natürlicher daher. Die erste Hälfte des Albums gleicht einer fünfteiligen Suite, die in einem einzigen, ununterbrochenen Take aufgenommen wurde und eher wie ein gut kuratiertes DJ-Set als eine traditionelle Album-Seite klingt. Für die Aufnahmen zogen sich Tim Kinsella und Jenny Pulse ins Sudestudio in Süditalien zurück, wo sie mit dem dort vorgefundenen Vintage-Equipment und –Instrumentarium experimentierten. Zurück in ihrer Heimat Chicago feilten sie in Steve Albinis Electrical Audio Studio zusammen mit Cooper Crain weiter an den Stücken, fügten Overdubs hinzu und verpassten ihrer Roland Drum-Machine mittels Recording über Lautsprecher den typischen Albini-Drumsound.
Die Band beschreibt ihren Ansatz auf „Open ing Night“ selbstironisch als „Anti-Produktion“, aber das ist etwas irreführend. Obwohl ihre Entscheidung, die Performance gegenüber der Produktion in den Vordergrund zu stellen, deutlich hörbar ist, bleibt der respektlose Ansatz des Duos eher KLF als Carole Kaye. Das Album wird mit „Sally“ eröffnet, bei dem Jenny Pulse's fesselnder Gesang im Mittelpunkt steht. Sie nennt den aktuellen Sound der Band „Chicago post-rave desert art-pop“, und schon beim Eröffnungtrack lässt sich erahnen, dass die darin beschworene „Wüste“, etwa 8000 Meilen östlich von Kalifornien liegt und an den tantrischen, röhrenrasselnden Trance-Blues von Tinariwen erinnert.
Damit ist der Sound der ganzen Platte ganz gut eingenordet und bietet eine ideale Einführung in die einzigartige Arbeitsweise von Kinsella & Pulse, LLC. Obwohl sie dem Erbe des Left-Field-Pop treu bleiben, fügen sie ihren im Grunde genommen alternativen Chart-Hits stets genau die richtige Menge an knorrigen Spannungen und dubbigen Dissonanzen hinzu. Sogar das zentrale Thema der Liebe - sicherlich eines der grundlegenden Elemente aller Popmusik - erhält einen frechen, kosmopolitischen Anstrich, der das Kunststück schafft, selbst ein Loblied auf die Sehnsucht frisch klingen zu lassen.
Die Songs nehmen stets unerwartete, haarnadelartige Wendungen, und springen gern mal urplötzlich zu Breakbeats, Fieldrecordings und Studiogeschwätz über, um dann wieder kathartisch aufzubrausen. Fugazi-würdige Hymnen kollidieren mit alten Farfisas und 808s, und lange Outros lösen sich in Zwischenspiele wie das kurze, aber erfrischende „Brutal“ auf, das ein bisschen so klingt, als würde Kevin Drumm Konono No.1 dekonstruieren. Dies leitet auf unerwartetze Weise zu „Watch and See“ über, das so beginnt, als würde sich die Band gleich kopfüber in eine Coverversion von INXS' „Need You Tonight“ stürzen.
Es wäre ein Versäumnis, die stimmungsvollen Texte von Kinsella und Pulse nicht zu erwähnen. Vor allem Kinsella - Autor mehrerer Romane - wird zu Recht als einer der talentiertesten Schriftsteller der Welt gefeiert. Er ist einer der besten und originellsten Wortschöpfer, die aus der DIY-Punk-Szene der 90er Jahre hervorgegangen sind, und in Songs wie „Cracked Factory Wall“ - dem besten Song, in dem der zum Tode verurteilte Schauspieler John Cazale erwähnt wird - setzt er gekonnt beschreibende Sprache ein, um lebendige, traumhafte Szenarien zu zeichnen: “You appeared like the word ‘yes,’ sculpted in glass and pumped full of smoke… You appeared like a life-saving joke: timed just right, and not too funny.”
Da es sich hier um eine Band von respektlosen Punkrockern handelt, ist natürlich nicht alles Pushcart-Preisverdächtig: Erfrischenderweise wissen Kinsella und Pulse auch instinktiv, wann sie auf den Punkt kommen müssen, etwa wenn Kinsella in einem der vielen entzückenden „Habe ich das richtig gehört?“-Momente der Platte nonchalant singt: „I fuckin' hate my dad“.
„Open ing Night“ ist der Sound von drei Jahrzehnten Post Punk, Underground Dance Music und Avantgarde, die in einer einzigartigen Vision von intelligentem, mutierendem Pop gipfelt und sich in ein Kontinuum einreiht, das von David Bowie und David Sylvian bis hin zu Shudder To Think und Gang Gang Dance reicht. Man stelle sich vor, die Sonic Youth der SST-Ära wären weniger von Glenn Branca und den Ramones als von Juan Atkins und The Residents beeinflusst worden. Das ist die mitreißende und unwiderstehliche Dualität von Kinsella & Pulse, LLC, die mit „Open ing Night“ ihr bisher bestes Werk abliefern.
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